Mehr Platz, mehr Tierwohl – so lautet die gängige Formel, die auf bunten Supermarkt-Aufklebern suggeriert, wie gut oder schlecht es einem Schwein geht. Fünf Stufen, ein Versprechen, eine klare Botschaft. Doch was, wenn genau diese Formel das Problem ist? Was, wenn das, was dem menschlichen Auge als Freiheit und Fürsorge erscheint, aus Sicht des Tieres das genaue Gegenteil bedeutet? Diese unbequeme Frage stand im Mittelpunkt eines Gesprächs, das in den Studios von „Trude Kuh“ geführt wurde – ehrlich, faktenbasiert und mit einer Portion wissenschaftlicher Sprengkraft. Redaktionsleiter Georg Mahn sprach mit Dirk Hesse, Sprecher von Initiative-Schweinehaltung-Deutschland.
Wenn Stufe 5 nicht das bedeutet, was es verspricht
Das Haltungsstufensystem im deutschen Lebensmittelhandel gilt vielen Verbrauchern als verlässliche Orientierung. Stufe 1 steht für das gesetzliche Minimum, Stufe 5 für das Beste, was einem Schwein widerfahren kann – so die gängige Lesart. Dirk Hesse, der 14 Jahre Tierwohlforschung an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig betrieben und wissenschaftliche Tierbefragungssysteme entwickelt hat, sieht das grundlegend anders. Aus Sicht des Tieres, sagt er, ist Haltungsstufe 1 die beste Option – und das lässt sich mit Zahlen, Daten und Fakten belegen.
Der Grund ist physiologischer Natur: Haltungsstufe 1 bietet eine Fläche, die exakt darauf ausgelegt ist, dass das Schwein sauber zwischen Fressen, Trinken, Schlafen und dem Kotbereich trennen kann. Wird diese Fläche vergrößert, wächst in der Regel nur der Mistbereich – und damit steigen Schadgasbelastung und Lungenerkrankungsrate. Haltungsstufe 2 bedeutet also mehr Fläche, aber auch mehr Krankheit. Dirk Hesse nennt das offen, was es ist: ein System, das nicht dem Tierwohl dient, sondern politischen Zielen – nämlich der schrittweisen Reduktion inländischer Tierhaltung zugunsten von Importabhängigkeit.
Wissenschaft gegen Symbolpolitik
Was Dirk Hesse beschreibt, ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Problem im gesellschaftlichen Diskurs über Tierhaltung. Er unterscheidet dabei klar zwischen Tierschützern, die das Wohlbefinden der Tiere im Blick haben, und Tierrechtlern, die jegliche Nutztierhaltung ablehnen. Letztere seien es, so Hesse, die falsche Bilder und irreführende Botschaften in die öffentliche Wahrnehmung tragen – bewusst und gezielt.
Ein Beispiel, das im Gespräch besonders eindrücklich wird, ist die Debatte um den Ferkelschutzkorb. Was oft als Einschränkung der Muttersau dargestellt wird, ist laut Hesse in Wahrheit eine Hilfe für ein 250 Kilogramm schweres Tier, das sich kontrolliert ablegen möchte, ohne dabei ihre Ferkel zu erdrücken. Der Name sagt es: Ferkelschutzkorb. Nicht Sauenkerker. Ähnlich verhält es sich mit der Strohhaltung, die zwar optisch nach Idylle aussieht, aber in vielen deutschen Regionen aufgrund von Schimmelpilzproblemen beim feuchten Getreide ein ernstes Gesundheitsrisiko für die Tiere darstellt.
Hesse hat in seiner wissenschaftlichen Laufbahn sogar ein eigenes Strohverfahren entwickelt. Er hat nichts gegen Stroh – aber er hat etwas dagegen, wenn klimatische Realitäten ignoriert werden. Und er hat etwas dagegen, dass ein schmutziges Schwein als Bild für glückliche Tierhaltung verkauft wird, obwohl wissenschaftliche Indikatoren ab 30 Prozent Hautverschmutzung eindeutig auf Tierquälerei hinweisen.
Tierwohl, Wirtschaftlichkeit und die Frage der Haltung aus Sicht des Tieres
Ein zentrales Argument von Dirk Hesse ist so simpel wie überzeugend: Leistung entsteht dort, wo es einem gut geht. Was für Menschen gilt, gilt für Schweine genauso. Ein Tier in Haltungsstufe 1 lebt unter den aus seiner Sicht optimalen Bedingungen – es ist gesund, produktiv, und das Fleisch ist günstiger. Tierwohl und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus, sondern bedingen einander, wenn man es richtig macht.
Initiative-Schweinehaltung-Deutschland, 2020 gegründet und inzwischen zur Interessenvertretung der gesamten Wertschöpfungskette Fleisch – vom Futtermittel bis zur Metzgerei – herangewachsen, setzt genau hier an. Gemeinsam mit Partnern wie der Metzgerei Oskar Zepp in Baden-Württemberg werden praktische Konzepte entwickelt, die Tierwohl aus Sicht des Tieres operationalisieren. Messbare Indikatoren, entwickelt vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft, sollen die Grundlage für eine neue Schweinehaltungsverordnung bilden – rund 50 Kriterien, die direkt am Tier abgelesen werden können, von der Klauengesundheit bis zur Sauberkeit.
Hesse wünscht sich für die nächsten drei bis fünf Jahre genau das: eine Verordnung, die nicht Stallmaße, sondern Tierwohl misst. Eine Verordnung, die auch den Umgang des Menschen mit dem Tier einbezieht. Eine Verordnung, die endlich die Welt aus den Augen der Schweine betrachtet – so wie er es seit 1989 buchstäblich selbst tut, seit er auf allen Vieren in eine Mastschweinebucht gekrabbelt ist und eine knappe Stunde später von den Tieren schlicht ignoriert wurde, weil sie ihn als harmlos eingestuft hatten.
Du willst mehr wissen – oder selbst gehört werden?
Wir von „Trude Kuh“ freuen uns, wenn solche Gespräche stattfinden: sachlich, neugierig und offen für unbequeme Wahrheiten. Das Interview mit Dirk Hesse von Initiative-Schweinehaltung-Deutschland hat gezeigt, wie wichtig es ist, hinter gesellschaftliche Debatten zu schauen – und wie viel sich verändert, wenn man bereit ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ob Tierwohl, Haltungssysteme, Antibiotikaverbrauch oder Verbraucherverantwortung: Es gibt immer mehr zu sagen, als ein Aufkleber im Supermarkt vermitteln kann.
Wenn auch Du einen Verein, eine Initiative oder ein Unternehmen hast, das Du vorstellen möchtest, dann melde Dich gerne bei uns – ein Besuch im TV-Studio von „Trude Kuh“ lohnt sich. Wir laden Vereine, Verbände und Initiativen ein, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenn Du Deinen Verein in einem Interview vorstellen möchtest, findest Du alle Informationen dazu unter Verein im Interview vorstellen – unkompliziert, persönlich und mit echtem Reichweitenpotenzial. Denn „Trude Kuh“ erzielt über 14,5 Millionen Kontakte im Monat. Das bedeutet für Unternehmen eine enorme Bühne: Wer seine Marke, sein Produkt oder seine Dienstleistung gezielt sichtbar machen will, findet bei uns vielfältige Werbemöglichkeiten für Unternehmen, die wirklich ankommen. Wir von „Trude Kuh“ glauben daran, dass gute Geschichten erzählt werden müssen – und wir erzählen sie gerne gemeinsam mit Dir.


